Viele Projekte, die heute direkt mit digitalem Erfolg verknüpft werden, erschienen vor ein paar Jahren zumeist wenig revolutionär, eher erwartungskonform. Dass ich als Privatmann meine Ferienwohnung online vermieten (Airbnb) oder ein Taxi zentralenübergreifend per App bestellen kann (mytaxi), löst mehr ein „ich dachte das gibt es schon“, als ein „oh mein Gott, das ist disruptiv“ aus.

Aber genau hier liegt auch die Chance in der Digitalisierung. Unternehmen müssen nicht zwingend Quantencomputer bauen, eine Blockchain betreiben oder mittels künstlicher Intelligenz die Werbewelt revolutionieren, sondern können an dem Punkt starten, wo sie heute schon unterwegs sind: Bei ihren bestehenden Produkten, ihrem Kundenkontakt oder ihrem Datenmanagement.

Veränderung braucht einen Startpunkt und ein Ziel

Digitalisierung heißt nicht immer disruptiv (disruptive Technologien sind Innovationen, die die Erfolgsserie einer bereits bestehenden Technologie, eines bestehenden Produkts oder einer bestehenden Dienstleistung ersetzen oder diese vollständig vom Markt verdrängen), Digitalisierung heißt nicht immer Start-up und Digitalisierung heißt vor allem nicht immer Raketenwissenschaft. Vielmehr baut sie auf Bestehendem auf. Viele haben bewusst oder unbewusst Angst vor der Veränderung durch die Digitalisierung. Dabei wird Digitalisierung zumeist als diffuses, nahezu surreales Damoklesschwert gesehen. Digitalisierung erzeugt bei vielen Menschen, auch Unternehmern, Angst. Aber woran liegt das?

Was der Bauer Mensch nicht kennt … macht ihm Angst

Wenn wir etwas nicht kennen oder greifen können, fühlen wir uns unwohl. Das ist normal. Die Angst vor dem Unbekannten ist so alt wie der Höhlenmensch und der Digitalisierungsbegriff so wenig greifbar wie eine zwei Jahre im Voraus getroffene Wettervorhersage. Gleichzeitig entsteht in unseren Köpfen ein ständig wachsender Druck. „Wenn die Digitalisierung nicht gelingt, werden wir abgehängt“. Egal was wir tun, Angst und Unsicherheit sind keine geeigneten Motivatoren um das Thema zielführend anzupacken.

Keiner hat recht und alle haben recht

Wer regelmäßig Veranstaltungen zum Thema Digitalisierung besucht, kennt das folgende Bild: Das Publikum wird mit der Fragestellung „wie weit ist Ihr Unternehmen bei der Digitalisierung“ konfrontiert. Drei Mitarbeiter desselben Unternehmens beantworten diese Frage auf dreierlei Weise. Der Geschäftsführer, ein ausgefuchster Stratege, hat ein pessimistisches Bild, da bis dato kaum Umsätze mit digitalen Produkten oder Dienstleistungen erzielt werden. Der Vertriebsleiter kann dem zwar beipflichten, sieht aber eine immer besser werdende Basis mit seinen Kunden zu kommunizieren und sie zu beraten, indem er mehr und mehr auf Kundendaten, Kommunikationskanäle und Vertriebskennzahlen zurückgreifen kann. Der IT-Leiter des Unternehmens wiederum beantwortet die Frage in Gänze anders, nämlich durchwegs positiv. So hat man in den vergangenen Jahren neben einer zeitgemäßen Infrastruktur mit hohem Cloud-Anteil auch gute Erfolge bei den Themen ERP und CRM erzielt.

Den Wal in Scheiben schneiden

Um die Angst vor der Digitalisierung zu verlieren hilft es, sich dem Thema systematisch und strukturiert zu nähern. Es gibt dafür verschiedene Ansätze. Einer davon ist das „Digitale Haus“, bei dem die Digitalisierung auf den drei Säulen „digitales Geschäftsmodell“, „digitale Kundenerfahrung“ und „digitale Prozesse bzw. Strukturen“ basiert. Beginnen Sie doch einfach mit einer Bewertung des Ist-Zustandes und sorgen Sie dafür, dass alle Beteiligten von derselben Säule sprechen und leiten Sie Ziele auf allen drei Ebenen ab. Sie werden feststellen, dass die Diskussion auf die Sachebene abdriftet.

Modell Gastbeitrag Behrendt

Wie jedes Haus, benötigt das digitale Haus auch ein Fundament sowie ein Dach. Es fußt auf einer veränderungsbereiten Organisationskultur, in denen Fehler toleriert werden und die Mitarbeiter mehr und mehr Digitalkompetenz durch Projekte und Schulungen erlangen. Das Dach besteht aus einer alle drei Säulen umfassenden Strategie und konsequentem Projektmanagement mit Zielen, Maßnahmen und Validierung.

Digital gedacht, digital gemacht

Gerade der Mittelstand, der gut die Hälfte alle sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnisse in Deutschland stellt, hat es bei der Digitalisierung besonders schwer. In der Regel besteht hier nicht der Luxus, ganze Innovationszentren zu gründen oder Mitarbeiter in Gänze vom Tagesgeschäft freizustellen. Wer sich bei der Digitalisierung erfolgreich gegen Mitbewerber aus Großunternehmen und Startups durchsetzen will, benötige vor allem zwei Dinge: eine „keine Angst vor Veränderung“-Mentalität und einen guten Projektplan, der alle Aspekte der Digitalisierung erfasst und konsequent verfolgt. Das digitale Haus bietet dafür die Grundlage.

Der Autor

Tim-Behrendt

Tim Behrendt ist Geschäftsführer der Dexa Consult GmbH und berät große wie kleine Unternehmen bei der Digitalen Transformation. Als Mischung aus Technologe und Coach versucht der 33-jährige Ingenieur stetig die Themen technologische Veränderung und Menschenführung unter einen Hut zu bringen.

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