Unternehmen bewerben sich bei Arbeitnehmern?

Der Arbeitsmarkt verändert sich immer mehr von einem Arbeitgeber- zu einem Arbeitnehmermarkt. Das bewirkt, dass für zu besetzende Stellen weniger gutes Personal zu Verfügung steht, der Recruiting-Aufwand steigt und auch die Ansprüche und Vorstellungen von einem guten Arbeitsplatz und guter Führung gerade bei der jüngeren Generation sich verändern und mehr gewichtet werden müssen.

In einem Arbeitnehmermarkt bewerben sich vermehrt die Firmen um potentielle Arbeitnehmer als andersherum. Es gibt Bereiche in Unternehmen, für die besonders wenig gutes Personal auf dem Markt verfügbar ist. Deshalb wird es immer wichtiger sich zum Beispiel durch einen modernen Führungsstil als attraktiver Arbeitgeber zu positionieren. Aber was zeichnet diese moderne Unternehmensführung aus?

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Gemeinsame Auswertung der Praxisarbeit anhand von Unternehmensbeispielen

Der Wandel von Führung seit den Anfängen bis zur digitalen Revolution

Die Arbeitswelt ist über die Jahrhunderte durch Revolutionen gegangen. Wo haben wir mal mit dem Thema Führung angefangen? Der Chef in der Agrargesellschaft bis Ende des 18. Jahrhunderts, war der Besitzer des Hofes und seine Familie, es gab Abhängigkeiten vom Wetter und eine undurchlässige Ständehierarchie. Die erste industrielle Revolution ab 1780 brachte mit der Dampfmaschine und den mechanischen Webstühlen erstmals viele Menschen in einem größeren Arbeitsumfeld zusammen. Der Chef war eher Dompteur, die Arbeiter hatten wenig Rechte und mussten rabiat Handeln, um wenigstens Pausen durchzusetzen. Mit der zweiten industriellen Revolution ab 1870 war die Situation der Arbeitnehmer noch immer eher prekär-sklavisch. Der Chef hatte hier aber schon die Rolle des Planers, der Konzepte entwickelt und formuliert, damit jeder tut, wofür er bezahlt wird. Als dritte industrielle Revolution kann die Einführung des Computers ab den 1970er Jahren gelten. Der Mensch spielt eine etwas größere Rolle im Gefüge der Wirtschaftlichkeit. Der Chef fragt, was braucht der Mitarbeiter, um noch effektiver zu sein?

Die digitale Revolution bringt ab den 2000ern schnellere Dynamik in die Prozesse. Das Menschenbild ändert sich allmählich: Menschen wollen arbeiten, anders als vorher: Menschen sind faul. Wie hat hier der Chef zu sein?

Mehr Coach als Trainer

Führungskraft wie sie bis dato funktioniert hat, hat es heute schwer. Ein Chef, eine Chefin sollten nun Enabler sein, die das komplexe System befähigen zu funktionieren. Statt zu sagen, „So musst du es machen.“, stellt die Führungskraft als Coach die richtigen Fragen, um den/die MitarbeiterIN bei einer Lösungsfindung zu unterstützen. Das  kann als dienende Führung bezeichnet werden. Sie fragt: Wie schaffe ich die Voraussetzung, dass die Personen im Unternehmen ihren Job machen können und ihrem Bedürfnis etwas zu leisten nichts im Wege steht?

Folgende Punkte gehören dazu:

  1. Sich selbst entwickeln –> mit gutem Beispiel voran gehen
  2. Mitarbeiter coachen und entwickeln –> lieber schlaue Frage stellen, die zum Nachdenken anregen. Nicht anweisen, da Expertise nicht mehr immer bei der Führungskraft liegt.

Die Klassische Lösung dazu: HR bestellt einen externen Coach, der der Führungskraft bei dem Verständnis für Probleme und Mitarbeiter, seinen Einfluss darauf nahe bringt und die nötigen Rahmenbedingungen für eine Lösung schafft.

  1. Ständige Verbesserung unterstützen
  2. Gemeinsame Ausrichtung schaffen –> klare Zielstellung kommunizieren, um Arbeit priorisieren zu können

Verschiebung von Machtverhältnissen

Sowohl der veränderte Arbeitsmarkt, also auch die veränderte Erwartung in die Rolle des Führungspersonals bedeutet, wenn sie tatsächlich in einem Unternehmen umgesetzt wird, eine Verschiebung der Machtverhältnisse. Die Führungsriege verliert zunächst scheinbar Macht, was zu Konflikten führen kann. Sie gewinnt, jedoch befähigte, eigenständige und zufriedene Mitarbeiter, die wiederum mehr Entscheidungsspielraum und respektvolle Gleichbehandlung erfahren.

Es sind also andere Erwartungen, die von beiden Seiten gestellt werden, ein Philosophiewechsel. Unternehmen, die sich auf solche Veränderung offener einstellen, so Tal Uscher und Nicole Röttger von Apiarista, haben es leichter in der neuen, digitalen Arbeitswelt erfolgreich zu sein und gute Mitarbeiter zu gewinnen und zu halten.

Das Leadership Canvas als Hilfestellung für Veränderung im Führungsstil

Diese Veränderung kann mithilfe des Leadership Canvas in einem Unternehmen erreicht werden. Es orientiert sich am Modell des populären Business Model Canvas. Ein Canvas ermöglicht es einem Team Strukturen im Unternehmen in einem geordneten Rahmen zu reflektieren und daraus Defizite, Lücken und Handlungsoptionen abzuleiten. Es setzt sich aus folgenden Komponenten zusammen:

  • Vision: Wichtig für Team ist die Vision, das gemeinsame Ziel
  • Werte: Ist bisher oft noch nicht üblich über Werte zu sprechen, dabei hat es großen Einfluss darauf, wie ein Team funktioniert. Beispiele: Loyalität, Tradition, Respekt; Sollte fernab von nichtssagenden Wertekundgebungen erstellt werden.à Wie sieht es denn tatsächlich in der Realität aus? Was glaubt man als Wert wahrzunehmen? Die Werte spiegeln sich in den Regeln wider. Wenn diese sich widersprechen, kann es nicht funktionieren.
  • Team: Wie ist es zusammengesetzt? Welche Verantwortlichkeiten gibt es?
  • Entscheidungen: Wer trifft sie? Für ein Team ist essentiell zu wissen wer entscheidet, wer Ziele festlegt, Transparenz schaffen, welche Entscheidungstypen relevant sind, wer darf wie frei handeln? Der Wert „Respekt“ findet sich z.B. in der Art und Weise wie Entscheidungen getroffen werden wider.
  • Regeln: explizite Regeln, implizite Regeln definieren! Wichtig zu erkennen, an welcher Stelle es Festlegungen gibt. Beispiele: Pünktlichkeit, Sauberkeit.
  • Kommunikation: Wie wird was wann kommuniziert? Was sind die Themen? Was für eine Art Meeting findet statt? Auslieferungsmeeting? Statusmeeting? Was ist das Ziel? Wer sollte involviert sein?
  • Stakeholder: Wer hat Einfluss auf das Teamverhalten, auf das, was das Team tun muss? Wen müssen wir glücklich machen? Beispiel: GF, Kunden, anderes Team?
  • KPIs (Key Performance Indikator): Woran wir der Erfolg gemessen? Beispiel: Gewinnmarge
  • Enabler (Befähiger): Was kann helfen, die Vision zu erreichen?
  • Blocker: Was kann die Realisierung der Vision behindern?

Die Kategorien sollten Sie immer anhand von typischen Beispielen im Unternehmensablauf durchspielen, statt grundsätzlich oder abstrakt zu bleiben.

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Tal Uscher und Nicole Röttger erklären das Leadership Canvas

Modern führen heißt agil führen

Was ist Agilität? „Agil bedeutet, es gibt weniger Regeln, aber die werden eingehalten“, sagt Tal Uscher. Ein agiles Unternehmen zeichnet sich durch Geschwindigkeit, Anpassungsfähigkeit, Kundenzentriertheit und Haltung aus. Kundenzentriertheit bedeutet, dass ich weiß was der Kunde wirklich braucht, den Kunden verstehe, ihn besser verstehen als er sich selbst und einen Wert für ihn schaffe. Agiles Management hat viel mit Selbstverwaltung zu tun.  Es kann nur funktionieren, wenn alle die gleiche Haltung und eine Vertrauensbasis haben, z.B. bezüglich Fehlerkultur.

Agil handeln mit der Scrum-Methode

Die Srcum Methode besteht aus einem festen Zyklus in der eine Idee umgesetzt werden soll, mit Angabe eines festen Zeitraumes und einer Auslieferungsdeadline.

Nötige Kriterien:

  • Gemeinsame Ausrichtung
  • Entscheidungsfreiheit & Transparenz
  • Austausch zu Outputs
  • Team wird gecoacht
  • Teamverantwortung –> nicht einer ist Schuld, alle!
  • Kontinuierliche Verbesserung –> Verbesserungsmeetings, Verbesserungsformate

Was ist da zu nötig? Vertrauen und Lernfreude.

Interview mit Nicole Röttger: Warum ist moderne Führung heute relevant? Was hat es mit Digitalisierung zu tun? Was bedeutet es?

Text, Fotos, Video: Marie Landsberg
Beitragsbild: CCO Lizenz

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